2 Stationen später. Haltestelle Hauptstraße. Ende der Reise. Für mich jedenfalls. Autos stauen sich, Bagger lärmen, rot-weiße Absperrungen bringen etwas Farbe in die sonst eher triste Straßenlandschaft. Wenigstens ist ein sonniger Tag, inkl. strahlend blauen Himmels.
Mir gegenüber. Ein Haus. Nummer 68. Habsburgerstraße. Ein Haus, in dem ich als kleiner Junge einst wohnte. Doch das ist schon ein paar Jahre her.
Direkt nebenan, ein E-Aktiv-Markt. Ich glaube, früher war das ein Spar. Hier gab's immer leckeres Eis an heißen Sommertagen, welches wir im Innenhof schmatzend schlotzten. Ich glaube, damals musste es immer so ein Vielfruchteis sein, eines, wo drei Kugeln auf einen Stiel gespießt waren, jede Kugel eine andere Farbe, eine andere Form, und auch noch eine andere Geschmacksrichtung. Fabelhaft. Und das musste dann leicht anschmelzen und die Finger hinunterlaufen, die Hände verkleben und im ganzen Gesicht verschmiert werden. Erst dann war es die perfekte Kinderfreude. So perfekt, dass sich ein junger Mann auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle ca. 15 Jahre später noch mit Freuden daran erinnert. Geprägt durch eine glückliche Kindheit. Aus tiefstem Herzen seinen Eltern hierfür dankbar.
Schräg gegenüber ist ein Café. Und drüber leuchtet ein großes, rotes „A“. Ich erinnere mich noch an jene Apotheke, welche mich einst mit den damals heißgeliebten Traubenzuckerchen versorgte. Sie ist noch da. Aber ich wohne nicht mehr in der Habsburgerstraße. Und wenn mich das Verlangen nach Traubenzucker überkommt, so kann ich sie mir inzwischen kaufen. Z.B. im E-Aktiv-Markt. Dank meiner Arbeitsstelle. Da sollte ich auch mal langsam hin...
Rein in die Münchhofstraße. Auf halber Strecke zur Schreibgalerie entdecke ich eine Tischtennisplatte, die Wache für einen versteckten Park steht. Intuitiv biege ich von meiner geplanten Route ab und betrete den Park. Langsam spüre ich Tränen in mir aufsteigen: Vor mir liegt ein ungefähr ovalförmiger Käfig, eingezäunt von meterhohen Metallstangen. Ebenso aus Metall die beiden kleinen Tore. Der Boden ist Dreck, Staub, ein wenig Kies - ein typischer Hinterhofbolzplatz eben.
Hier war es, wo ich einst, bereits nach Einbruch der Dunkelheit, mit meinem lieben Vater Volker auf dem Heimweg vorbeikam und einige Jungs beim Kicken erwischte. Es dauerte einen minimalen Moment der Entscheidungsfindung, bis wir beide munter mitmischten - Paps im Tor und ich mitten im Getümmel…
Momente bleiben ja bekanntermaßen besonders lebhaft im Gedächtnis, wenn sie in stark emotional-geprägten Situationen entstandenen sind. Und, Daddy, dass ich an jenem Abend bereits nach Einsetzen der Dämmerung der Einzige war, der den Ball unter deinem Fuß hindurch ins Tor drücken durfte, das werde ich dir nie vergessen.
Ob es wohl Absicht war? Oder Zufall? Oder war ich einfach zu gut? Letztes wage ich stark zu bezweifeln. Und Zweiteres wäre langweilig. Die Vergangenheit lässt sich oftmals am Einfachsten interpretieren, da die Wahrheit nur selten zu beweisen ist. Und so bilde ich mir ein, du hast mich zu jener späten Abendstunde an jenem memorablen Abend einfach aus purer Vaterliebe das Tor des Tages schießen lassen. Papa, ich werde es dir nie vergessen. Der Beginn einer langen Fußballerkarriere.
Ich stehe also vor diesem Bolzplatz. Drei Jungs kicken. „Jungs“ ist untertrieben, ich schätze sie ungefähr auf mein Alter. Ich könnte sie fragen, ob ich mitspielen darf. Aber ich drehe mich um und gehe.
Die Zeiten sind vorbei, in denen ich sorglos kicken gehen konnte, wann immer ich wollte. Damals – als ich noch regelmäßig um das leckere Wassereis mit den drei verschiedenen Geschmacksstoffen gebettelt habe. Wo Traubenzucker noch Lockmittel für verschiedenste Schandtaten waren.
Die Zeiten sind vorbei. Was bleibt, ist der Moment. Der Moment, der mich erst im Nachhinein darüber bewusst werden lässt, wie sehr mich mein Vater geliebt hat. Und meine Mum mich natürlich ebenfalls.
Und das Tollste an der Geschichte ist: Sie tun es immer noch!
Mum? Dad? Ich liebe euch auch.
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